Interview
„Die digitale Welt liegt heute in der Hand der Wahrnehmung“
Digitale Kommunikation wird längst nicht mehr nur durch Technologie geprägt, sondern durch Themen wie Wahrnehmungsmanagement, Vertrauen, Ethik und künstliche Intelligenz. Wir sprachen mit Prof. Dr. Ali Murat Kırık, Vorsitzender des Fachbereichs Visuelle Kommunikationsgestaltung der Fakultät für Kommunikationswissenschaften an der Marmara-Universität, über den kulturellen Wandel der digitalen Welt, die neue Rolle sozialer Medien und darüber, wie Marken in dieser Ära bestehen können
Interview: Aslı Çelebi
Wir leben in einer Zeit, in der der Puls der digitalen Welt täglich schneller schlägt. Benachrichtigungstöne bilden den Soundtrack unseres Alltags, soziale Netzwerke sind zu einem selbstverständlichen Teil unseres täglichen Lebens geworden. Mit der Frage, die mich schon seit Langem beschäftigt, begann dieses Gespräch:
„Wer kann die sich so rasant verändernde Kommunikationswelt eigentlich am besten beschreiben?“
Die Antwort führte mich an die Marmara-Universität – zu einem Namen, der in den Fluren der Fakultät mit großem Respekt genannt wird: Prof. Dr. Ali Murat Kırık.
Bei der Vorbereitung meiner Fragen ging es mir nicht nur um technische Aspekte. Mich beschäftigten die unsichtbaren Dynamiken sozialer Medien, der digitale Identitätskampf der Marken, die wachsende Wirkung künstlicher Intelligenz und die Herausforderungen interkultureller Kommunikation. Ich wollte kein gewöhnliches Interview, sondern ein Gespräch, das die Schichten des digitalen Zeitalters freilegt.
Ich glaube, genau das ist es geworden.
Hier unser Gespräch:
Aslı Çelebi: Herr Professor, wie definieren Sie heute den Begriff „digitale Kommunikation“?
Prof. Dr. Ali Murat Kırık: Digitale Kommunikation ist für mich weit mehr als der Austausch von Informationen über technische Geräte. Sie beschreibt ein Gefüge, in dem kulturelle, soziale und wirtschaftliche Interaktionen neu geformt werden.
Es handelt sich um einen dynamischen Prozess, in dem Individuen und Institutionen Gedanken, Gefühle und Informationen in digitalen Räumen auf vielfältige Weise teilen. Die Botschaft verläuft nicht mehr einseitig, sondern formt sich stetig durch Rückkopplung. Deshalb müssen wir bei der Definition nicht nur die technischen Werkzeuge berücksichtigen, sondern auch ihre gesellschaftlichen Auswirkungen und die neuen Formen der Bedeutungsproduktion.
Wie hat die Digitalisierung die Kommunikationsformen der Gesellschaft verändert?
Die Digitalisierung hat Kommunikation von Zeit und Raum befreit und Interaktion in Echtzeit ermöglicht. Digitale Plattformen haben klassische Face-to-Face-Kommunikation teilweise ersetzt; Menschen rekonstruieren ihre Identität heute über mehrere Kanäle gleichzeitig.
„Je größer die Distanz zwischen Realität und Inszenierung wird, desto stärker erodiert das gesellschaftliche Vertrauen.“
Die Gesellschaft besitzt nun nicht nur Zugang zu Informationen, sondern auch die Fähigkeit, sie selbst zu produzieren. Das bringt jedoch Oberflächlichkeit, Geschwindigkeit und Wahrheitsprobleme mit sich. Kurz gesagt: Digitalisierung demokratisiert Kommunikation, schafft aber zugleich neue Herausforderungen wie Informationsüberflutung und Manipulation.
Sind soziale Medien inzwischen ein „öffentlicher Raum“ oder bleiben sie ein individuelles Medium?Soziale Medien sind heute zur digitalen Erweiterung des klassischen öffentlichen Raums geworden. Menschen posten nicht mehr nur Persönliches, sondern äußern sich zu gesellschaftlichen Themen und beeinflussen die öffentliche Meinung. Allerdings handelt es sich nicht um einen völlig freien Raum: Algorithmen, wirtschaftliche Interessen und politische Einflüsse ziehen unsichtbare Grenzen.
So verbinden soziale Medien individuelle Ausdrucksmöglichkeiten mit einem kontrollierten öffentlichen Forum. Ob sie zu einem echten „öffentlichen Raum“ werden können, hängt von Fortschritten bei Meinungsfreiheit und digitaler Ethik ab.
„Soziale Medien sind kein freier Raum – Algorithmen ziehen unsichtbare Grenzen.“
Der Begriff „Wahrnehmungsmanagement“ wird inzwischen sogar auf individueller Ebene genutzt. Wie beeinflusst das die gesellschaftlichen Vertrauensstrukturen?
Wenn Wahrnehmungsmanagement auf die persönliche Ebene übergeht, wird das gesellschaftliche Vertrauen massiv geschwächt. Menschen konstruieren ihre Identitäten strategisch, Realität wird durch Image ersetzt, Authentizität durch Darstellung. Das führt zu ständigen „Vertrauensprüfungen“ in sozialen Beziehungen. Je größer die Lücke zwischen Realität und Darstellung, desto fragiler wird das Vertrauen. Das zentrale Problem des digitalen Zeitalters ist, dass wir zunehmend in einer realitätsähnlichen Welt leben, die von Wahrnehmung statt von Fakten gesteuert wird.
Welche Fehler machen Unternehmen am häufigsten, wenn sie digitale Kommunikationsstrategien entwickeln?Viele Unternehmen beschränken digitale Kommunikation fälschlicherweise auf reine Social-Media-Präsenz. Dabei ist sie ein ganzheitlicher Prozess, der Corporate Identity, Zielgruppenanalyse, Content-Management und Krisenkommunikation umfasst.
Ein weiterer Fehler besteht darin, digitale Kanäle als reine Werbeplattformen zu betrachten. Tatsächlich erfordern sie aber zweiseitige Interaktion und Community-Building. Wer Strategien nicht auf Datenanalyse stützt oder digitale Ethik ignoriert, verliert langfristig Vertrauen. Eine erfolgreiche Strategie basiert nicht auf Sichtbarkeit, sondern auf nachhaltiger Interaktion.
Wie können Marken visuelle Kommunikationsgestaltung nicht nur ästhetisch, sondern strategisch nutzen?Visuelle Kommunikation ist die stille Sprache einer Marke. Farben, Typografie, Komposition und Symbole prägen das Markenimage. Ästhetik ist wichtig, doch entscheidend ist die Verbindung von Ästhetik und strategischer Botschaft.
Die visuelle Sprache muss zu den kulturellen Codes der Zielgruppe passen und auf allen Kontaktpunkten konsistent sein. Strategische visuelle Kommunikation will nicht nur „schön aussehen“, sondern einen bedeutungsvollen Eindruck hinterlassen.
Kommen wir zur viel diskutierten künstlichen Intelligenz: Wie verändert KI digitales Marketing und Content-Produktion?
KI hat sämtliche Dynamiken des digitalen Marketings datenbasiert gemacht. Zielgruppenanalyse, Personalisierung und Interaktionsmessung beruhen heute weniger auf Intuition als auf algorithmischen Prognosen. Das erhöht Effizienz und Geschwindigkeit, birgt aber das Risiko einer Standardisierung von Inhalten. Originalität droht zugunsten automatisierter Muster verloren zu gehen.
KI sollte nicht die Kreativität des Menschen ersetzen, sondern sie unterstützen und strategische Entscheidungen stärken.
Wir sind ein in Deutschland ansässiges Medium. Wie sollten sich türkische Marken an die digitalen und kulturellen Unterschiede in Ländern wie Deutschland anpassen?
Länder wie Deutschland weisen ein systematischeres, datenorientiertes und stark auf Datenschutz ausgerichtetes digitales Kommunikationsumfeld auf. In der Türkei hingegen dominieren Emotionalität, Interaktion und Geschwindigkeit. Türkische Marken sollten diese Unterschiede berücksichtigen und lokalisierte digitale Strategien entwickeln: Tonalität, visuelle Sprache und Posting-Zeitpunkte müssen an kulturelle Codes angepasst werden.
Erfolgreiche Globalisierung bedeutet, universelle Botschaften mit lokalen Sensibilitäten in Einklang zu bringen. Adaptation heißt nicht kopieren, sondern intelligent anpassen.
Wo sehen Sie die Stärken und Schwächen des digitalen Transformationsprozesses in der Türkei?
Die Türkei hat in Bereichen wie E-Government, Bankenwesen und digitalen öffentlichen Dienstleistungen beachtliche Fortschritte erzielt. Schwächer entwickelt sind hingegen Bildung, digitale Kompetenz und Cybersicherheit. Digitale Transformation braucht nicht nur Technologie, sondern auch kulturelles Bewusstsein. In großen Teilen der Gesellschaft fehlt es noch an digitaler Sensibilität. Unsere Stärke ist die schnelle Anpassungsfähigkeit; unsere Schwäche ist der Mangel an nachhaltiger digitaler Kultur.
Was halten Sie von lokalen digitalen Plattformen wie NSosyal?
Lokale Plattformen sind für die digitale Unabhängigkeit äußerst wichtig. Projekte wie NSosyal sind nicht nur technologische Alternativen, sondern auch Versuche kultureller Identitätsbildung. Um nachhaltig bestehen zu können, müssen sie jedoch in Infrastruktur, Nutzererlebnis und Content-Politik internationale Standards erreichen. Nutzer sollten sie nicht nur wählen, weil sie „lokal“ sind, sondern weil sie hochwertige Inhalte und sichere Nutzung bieten. Das ist essenziell für digitale Souveränität und digitale Ethik.
Aslı Çelebi: Herr Professor, vielen Dank für dieses ausführliche und inspirierende Gespräch.
Prof. Dr. Ali Murat Kırık: Ich danke Ihnen.




