Kolumnisten
Weshalb die globale Wirtschaft mehr Investorinnen braucht
Yeşim Çevik | Investorin & Start-up-Mentorin
Das Wort „Investition“ ruft bei vielen noch immer Bilder von grauen Anzügen, komplexen Tabellen und einer abgeschotteten Welt hervor, in der man sich zunächst beweisen muss. Dieses Gefühl kenne ich gut. Doch meine Erfahrungen im direkten Austausch mit Gründerinnen und Gründern sowie professionellen Investorinnen und Investoren haben mir eines deutlich gezeigt: Ein großer Teil dieses Narrativs ist eine Illusion.
Das globale Start-up-Ökosystem braucht Frauen heute mehr denn je – allerdings nicht als vorsichtige Beobachterinnen am Spielfeldrand, sondern als strategisch denkende Mitgestalterinnen.
Auch ich habe meine Perspektive im Laufe der Zeit verändert. Früher traf ich bisweilen „wohlwollende“ Investitionsentscheidungen. Ich dachte: Dieses Team ist engagiert, wir teilen einen kulturellen Hintergrund – ich sollte es unterstützen. Heute weiß ich: Investitionen dürfen nicht aus einem Impuls der Solidarität heraus erfolgen, sondern müssen auf rationaler Analyse basieren. Ich nenne das die „Hinterhof-Falle“ – die Tendenz, aus Nähe statt aus Strategie zu entscheiden.
Wenn Gründerinnen und Gründer heute sagen, sie wollten zunächst im lokalen Markt wachsen, reicht ein zustimmendes Nicken nicht mehr aus. Kleine Märkte bieten keine Sicherheit. Start-ups, die nicht vom ersten Tag an global denken, riskieren, von Wettbewerbern aus den USA oder Asien überholt zu werden. Entscheidend ist, die richtigen Fragen zu stellen: Wie sieht die Internationalisierungsstrategie aus? Welche konkreten Schritte sind für den Eintritt in größere Märkte geplant?
Wer große Visionen von Teams erwartet, muss selbst groß denken.
Ebenso hat sich mein Investitionsfokus geschärft. Ich suche nicht nach Anwendungen, die die Welt lediglich etwas „cooler“ machen, sondern nach Lösungen für reale Probleme. Hat das Unternehmen eine technologische Substanz? Verfügt es über eigenes Know-how? Besitzt es eine nachhaltige Wettbewerbskompetenz? Anders gesagt: Ich investiere nicht in die Oberfläche, sondern in das Fundament.
Frauen bringen in diesem Kontext einen entscheidenden Vorteil mit: die Fähigkeit, echten Wert von bloßer Inszenierung zu unterscheiden. Diese Kompetenz sollte nicht unterschätzt werden. Der Fokus sollte auf Unternehmen liegen, die über eine belastbare technologische Basis verfügen und langfristige Wettbewerbsvorteile aufbauen können.
Ein weiteres verbreitetes Zögern betrifft das Kapital. Viele glauben, sie verfügten nicht über ausreichende Mittel. Dabei ist Geld häufig nur ein Bestandteil von vielen. Auch ich habe mit kleinen Beträgen begonnen – und dabei vor allem gelernt. Der eigentliche Mehrwert entsteht oft durch Erfahrung, Expertise und strategische Begleitung.
Nicht zu unterschätzen ist zudem die Bedeutung von Netzwerken. Ein starkes Netzwerk kann Türen öffnen, Partnerschaften ermöglichen und junge Unternehmen entscheidend voranbringen. Kapital allein macht noch keine „smarte“ Investition. Wirklich wertvoll ist Kapital, das mit Wissen, Kontakten und Engagement verbunden ist.
Um mehr Frauen den Weg vom Rand ins Zentrum des Geschehens zu erleichtern, erscheinen mir drei Schritte besonders sinnvoll:
Erstens: Schließen Sie sich zusammen. Eine Investitionspartnerin oder ein Netzwerk Gleichgesinnter erweitert nicht nur die Kapitalbasis, sondern auch die Perspektive. Gemeinsame Entscheidungen sind oft fundierter.
Zweitens: Nutzen Sie Ihren fachlichen Heimvorteil. Investieren Sie bevorzugt in Branchen, die Sie verstehen. Fachliche Expertise ist häufig das wertvollste Kapital, um Qualität von Substanzlosigkeit zu unterscheiden.
Drittens: Bauen Sie Ihr Netzwerk auf, bevor Sie investieren. Nehmen Sie an Veranstaltungen teil, tauschen Sie sich aus, lernen Sie die Mechanismen des Marktes kennen. Wer erkennt, dass selbst erfahrene Marktteilnehmer nicht allwissend sind, gewinnt schnell an Sicherheit.
Die Phase der rein lokalen Perspektiven ist vorbei. Der Markt ist global. Große Zahlen und komplexe Begriffe sollten nicht abschrecken. Investieren ist ein Handwerk – und dieses Handwerk lässt sich erlernen und meistern.
Es ist Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Global zu denken. Und aktiv am Aufbau jener Unternehmen mitzuwirken, auf die wir in zehn Jahren mit Stolz zurückblicken können.
Ich bin bereit.
Wer setzt sich mit an den Tisch?






