Kolumnisten
Bremsen wir uns selbst? Europas Start-ups zwischen Förderung, Regulierung und globalem Wettbewerb
Yesim Cevik | Investorin & Start-up-Mentorin
Vergangene Woche war ich beim Hessischen Gründerpreis und selten habe ich so viel Aufbruchsstimmung, Unternehmergeist und echte Zukunftsenergie in einem Raum erlebt. Gründerinnen und Gründer mit mutigen Ideen, engagierte Netzwerke, politische Unterstützung und ein spürbarer Wille, Innovation in Deutschland voranzubringen. Und doch bin ich mit einer Frage nach Hause gefahren, die mich seitdem nicht loslässt: Warum brauchen wir eigentlich so viele Förderprogramme, damit Wachstum überhaupt möglich wird?
Als Angel-Investorin und aktive Teilnehmerin im Start-up- und Investorenökosystem sehe ich seit Jahren beide Seiten: die enorme Qualität europäischer Ideen und gleichzeitig die strukturellen Hürden, gegen die junge Unternehmen bereits kämpfen müssen, bevor ihr Produkt überhaupt den Markt erreicht.
Der Abend beim Gründerpreis hat mir deshalb weniger gezeigt, was funktioniert, sondern vielmehr, was wir offenbar kompensieren müssen.
Förderung als Stärke – oder als Symptom?
Hessen kann mit Recht stolz auf seine Förderlandschaft sein. Programme, Coachingangebote, Finanzierungshilfen und Netzwerke sind beeindruckend aufgebaut. Sie helfen Gründerinnen und Gründern, Stabilität zu gewinnen und erste Wachstumsschritte zu gehen.
Doch in vielen Gesprächen vor Ort hörte ich ähnliche Erfahrungen: Nicht fehlende Ideen sind das Problem, nicht fehlende Talente, nicht einmal fehlendes Engagement, sondern Komplexität.
Gründer sprechen über Antragslogiken statt Kundengewinnung. Über regulatorische Unsicherheit statt Produktentwicklung. Über Zuständigkeiten statt Skalierungsstrategien.
Als Investorin sehe ich häufig Businesspläne, die weniger Marktstrategien erklären müssen als regulatorische Risiken.
Und genau hier entsteht meine zentrale Frage: Ist der Förderbedarf so hoch, weil wir Innovation besonders stark unterstützen oder weil unser System Wachstum gleichzeitig erschwert?
Europas Komfortzone: Sicherheit vor Geschwindigkeit
Europa und insbesondere Deutschland hat sich bewusst für Stabilität entschieden. Verbraucherschutz, Datenschutz, Arbeitnehmerrechte und Marktregeln sind Errungenschaften, keine Fehler.
Aber Innovation folgt einer anderen Logik als Verwaltung.
Während Start-ups in den USA zuerst skalieren und später reguliert werden, müssen europäische Gründer oft zuerst erklären, warum sie überhaupt existieren dürfen. Compliance entsteht früh, Experimentierfreiheit spät.
Im asiatischen Raum wiederum agiert der Staat zunehmend als Beschleuniger: Infrastruktur, Kapital und strategische Industrieförderung greifen ineinander.
Deutschland hingegen unterstützt häufig dabei, ein komplexes System zu navigieren statt es radikal zu vereinfachen.
Was ich als Angel-Investorin immer wieder sehe
In Pitch-Gesprächen tauchen bestimmte Muster auf außergewöhnlich starke Technologien, hochqualifizierte Teams, realistische Geschäftsmodelle. Und gleichzeitig: vorsichtige Wachstumsstrategien, frühe Exit-Denke, regulatorische Unsicherheit als zentraler Risikofaktor viele Gründer denken kleiner, nicht weil ihnen Vision fehlt, sondern weil das Umfeld große Schritte riskanter macht.
Kapital folgt jedoch Skalierungspotenzial. Wenn Wachstum strukturell gebremst wirkt, wird auch Investment vorsichtiger.
Das ist kein Talentproblem. Es ist ein Systemsignal.
Die eigentliche Frage: Wie beschleunigen wir gesund?
Ich glaube nicht, dass Europa weniger Regeln braucht. Aber wir brauchen Regeln, die Innovation begleiten statt vorwegnehmen.
Dur mich bedeutet Gesunde Beschleunigung: Regulatorische Einstiegsphasen, Start-ups sollten nicht dieselben Anforderungen erfüllen müssen wie Konzerne. Einfachere Strukturen statt zusätzlicher Förderung. Der größte Förderhebel könnte Bürokratieabbau sein. Digitale Verwaltung, die mit Start-up-Geschwindigkeit mithält. Wo Wochen über Markteintritt entscheiden, sind Monate ein Wettbewerbsnachteil. Mehr Vertrauen in unternehmerisches Risiko. Scheitern ist kein volkswirtschaftlicher Schaden, sondern Lernkapital.
Wettbewerb der Systeme – nicht der Ideen
Was mir beim Hessischen Gründerpreis besonders klar wurde: Deutschland fehlt es nicht an Ideen. Nicht an Talent. Nicht an Motivation. Was im globalen Wettbewerb entscheidet, ist das Systemtempo. Start-ups vergleichen heute nicht Frankfurt mit München oder Berlin mit Hamburg sondern Europa mit Silicon Valley, Singapur oder Seoul.
Die Frage lautet also nicht mehr: Fördern wir genug?
Sondern: Machen wir Wachstum einfach genug?
Der Abend beim Hessischen Gründerpreis hat mich optimistisch gemacht – aber auch nachdenklich. Wir investieren viel Energie darin, Start-ups zu unterstützen. Vielleicht sollten wir einen Teil dieser Energie darauf verwenden, die Bremsen zu lösen, die Unterstützung überhaupt erst notwendig machen.
Europa muss nicht amerikanischer oder asiatischer werden. Aber es muss lernen, Sicherheit und Geschwindigkeit gleichzeitig zu ermöglichen.
Denn Innovation entsteht nicht dort, wo Risiken ausgeschlossen sind sondern dort, wo Fortschritt möglich bleibt.






