Interview
„Bau deine eigene Bühne – auch wenn dich niemand einlädt“
Eine Gründerinnen-Story, die einst in einem Keller mit kleinem Budget begann, hat sich zu einer Marke entwickelt, die heute Millionen Menschen erreicht und große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wir haben mit Büsra Sayed über ihren Weg gesprochen – von ihren Erfahrungen bei Miss Germany bis hin zu ihrem Ansatz, Humor als Form des Widerstands einzusetzen.
Interview: Harun Yazici
Büsra Sayed bewegt sich an der Schnittstelle von Kopftuch, Unternehmertum, Social Media und gesellschaftlichen Debatten über Sichtbarkeit. In den sozialen Medien ist sie als Büsra Caramella bekannt. Die junge Gründerin fällt nicht nur durch ihr Label auf, sondern auch durch ihre klare Haltung im öffentlichen Diskurs und ihre kreativen Reaktionen auf gesellschaftliche Kontroversen.
Als Finalistin der Miss-Germany-Wahl 2026 haben wir mit ihr über ihren unternehmerischen Werdegang gesprochen, über Sichtbarkeit als kopftuchtragende Frau in Deutschland, über die transformative Kraft sozialer Medien und über ihren viel diskutierten „AfD10“-Moment.
Frau Sayed, könnten Sie sich unseren Zuschauer:innen kurz vorstellen?

@Uliana Kulak
Sehr gerne. Mein Name ist Büsra Sayed, in den sozialen Medien kennt man mich als Büsra Caramella. Ich bin 28, in Georgsmarienhütte bei Osnabrück geboren, Enkelin von türkischen Gastarbeitern, heute lebe ich in Berlin.
Ich bin Content Creator und war Finalistin bei Miss Germany 2026 in der Kategorie „Female Founder“. Ich bin Gründerin von Caramella, einem Modest-Fashion-Label, das auf Nachhaltigkeit setzt, in Deutschland produziert und ein innovatives Sporthijab, den FITJAB, auf den Markt gebracht hat.
Wie ist die Idee zu Caramella entstanden?
Klassisch durch eine Lücke, die ich an mir selbst gespürt habe. Ich habe ursprünglich öffentliches Management studiert, weil mir gesagt wurde: „Mach etwas Sicheres, etwas Vernünftiges.“ Glücklich war ich damit nicht. Als ich mein Hijab kurz vor meinem 18. Geburtstag aufgesetzt habe, gab es in Deutschland weder die Mode noch die medial sichtbaren Frauen, mit denen ich mich hätte identifizieren können.
„Erfolgreiche Frau mit Hijab sollte irgendwann einfach erfolgreiche Frau heißen.“
Ich habe als frische Hijabi angefangen, Outfit-Posts auf Instagram zu machen, und gemerkt: Die Nachfrage nach all dem, was die deutsche Modebranche uns nicht bietet, ist riesig. Wir werden bis heute nicht mitgedacht. Da war für mich klar: Wenn niemand das Problem löst, nehme ich es selbst in die Hand. Caramella ist aus dem Keller meines Elternhauses in Georgsmarienhütte heraus entstanden – mit einer großen Vision und einem ziemlich kleinen Budget.
Was war die größte Herausforderung beim Aufbau Ihrer Marke?
Ehrlich? Nicht das Produkt. Sondern die Strukturen drumherum. Männer fangen in unserem System bei +3 an, Frauen bei 0 und Frauen aus marginalisierten Gruppen bei –3. Du musst als Hijab-tragende Gründerin doppelt so viel erklären, doppelt so viel beweisen und auf dem Weg auch noch deine eigene Bühne bauen, weil dich oft niemand auf seine Bühne einlädt. Dazu kamen ganz handfeste Themen: Produktionsfehler in der ersten großen Lieferung, Einzelhandelsstrukturen, in denen Modest Fashion einfach nicht existiert, und der ganz normale Wahnsinn, ein Unternehmen aufzubauen, während man selbst noch Anfang 20 ist.
Mein Credo war eigentlich immer gleich: Strategie anpassen, Werte nicht. Und nicht reagieren, sondern den eigenen Weg gehen – sonst lässt du dich von Leuten von deinem Kurs abbringen, die selbst gar kein Ziel haben.
Welche Bedeutung hat Social Media für Sie persönlich? Und glauben Sie, dass Algorithmen Content Creator zunehmend in eine bestimmte Richtung drängen?
Klassische Medien haben mich als Frau mit Migrationsgeschichte jahrelang in Schubladen gesteckt – ich war entweder „die Migra“, „die Hijabi“ oder „die Andere“, aber selten einfach Büsra. Social Media hat das Spiel umgedreht: Wir Content Creator aus marginalisierten Gruppen halten endlich unser eigenes Mikro und bauen unsere eigene Bühne.
„Ich wollte nie die Rolle des Opfers annehmen – und werde es auch nie.“
Wir bestimmen, welches Bild von uns rausgeht, brechen Klischees auf und zeigen, wie individuell wir sind – und gleichzeitig, wie gleich wir alle eigentlich sind. Ja, der Algorithmus belohnt Bubbles, und ja, er versucht uns in Richtungen zu drängen – aber Gen Z durchbricht Narrative, ohne sich zu verbiegen.
Kommen wir zu Miss Germany: Wie haben Sie sich entschieden, an dem Wettbewerb teilzunehmen? Und was hat Ihnen der Einzug ins Finale persönlich und beruflich gebracht?

@Stephan Glathe
ie Idee kam von Meriem Lebdiri, meiner Freundin und Geschäftspartnerin. Sie hatte den Auftrag, die Outfits für die Finalistinnen zu designen, und meinte: „Hey, warum nimmst Du eigentlich nicht selbst teil?“ Ich dachte zuerst, das sei nur ein Schönheitswettbewerb. Dann hat sie mir erklärt, dass Miss Germany seit 2019 ein Wettbewerb für Frauen ist, die etwas zur Gesellschaft beitragen. Als ich gesehen habe, dass es die Kategorie „Founder“ gibt, dachte ich: Warum nicht? Ich bin Gründerin, ich habe eine Mission – damit kam ich dann unter die letzten neun.
Beruflich war es ein Booster: Einladungen als Speakerin, Anfragen für Panels rund um Entrepreneurship, Kooperationen mit Unternehmen, die mich vorher nicht auf dem Schirm hatten. Persönlich habe ich vor allem gelernt: Ich kann mich weiterentwickeln, ohne mich zu verändern. Meine Werte sind die gleichen, meine Mission auch. Was sich verändert hat, ist, womit man mich heute in Verbindung bringt – nämlich nicht mehr nur mit einem Stück Stoff auf meinem Kopf, sondern mit einer Marke, einem Team und einer Geschichte.
Nach der Kritik aus den Reihen der AfD haben viele Menschen defensiv reagiert. Sie haben stattdessen Humor gewählt. Warum?
Weil ich nicht in der Härte enden möchte, in der die Menschen sind, die mir mein Menschsein absprechen. Humor heißt ja nicht, dass man nichts fühlt – ich bin kein Roboter, manches trifft mich schon. Aber wenn ich mit Wut antworte, gebe ich der Wut der anderen mehr Platz. Wenn ich mit Lachen antworte, lasse ich mir meine Lebensfreude nicht nehmen. Und das ist manchmal die ehrlichste Form von Widerstand.
Dazu kommt eine ganz pragmatische Sache: Ich habe als Kind und Jugendliche oft genug erlebt, wie es ist, als „die Andere“ angesehen zu werden. Irgendwann habe ich gelernt, Humor zu meinem Schutzschild und gleichzeitig zu meiner Waffe zu machen. Ich glaube am Ende ganz fest: Was solchen Menschen fehlt, ist Liebe. Den Versuch, ihnen ein bisschen davon zu schenken, ist die Sache wert.
War es eine bewusste PR-Strategie, aus einem politischen Angriff einen Vorteil für Ihre Marke zu machen, oder ist das eher spontan entstanden? Und wie kam die Idee, mit einem Video zu antworten?
Spontan. Hundert Prozent. Ich war gerade erst aufgewacht, habe aufs Handy geschaut und gesehen, dass einige Follower mir den Beitrag schon geschickt hatten. Ein Schock war es nicht – die Hate-Welle aus dieser Ecke hatte mich auch schon in der Finalwoche begleitet, ich war also halbwegs vorbereitet. Aber im Kopf hat es sofort gerattert: Okay, was machst Du jetzt daraus?
„Ich kann mich weiterentwickeln, ohne mich zu verändern.“
Mein Reflex ist seit Jahren der gleiche: aus Negativem etwas Positives bauen. Also habe ich mich vor die Kamera gesetzt, kein Skript, kein Team, kein großer Plan – und gesagt: „Meine Freundin Beatrice von der AfD macht das erste Mal Werbung für mich und meine Brand im Bundestag, deswegen seid gefälligst nett zu ihr.“ Dazu der Rabattcode „AfD10“ und unser Hijab in „AfD Blue“. Das war kein PR-Konzept. Das war meine Antwort an sie. Dass daraus quasi eine Online-Demo geworden ist, hat sich erst danach ergeben – als ich gemerkt habe, wie viele Menschen, darunter viele Nichtmuslime, mitgelacht und aus reiner Solidarität mitbestellt haben.
Haben Sie vor der Veröffentlichung des Videos gedacht: „Das könnte vielleicht zu riskant sein“?
Ehrlicherweise nein. Wer mir mit Worten begegnet, bekommt Worte zurück. Wer mir mit Hass begegnet, bekommt Humor – und manchmal eben einen Rabattcode. Ich hatte keine Sekunde Angst, dass das Video „zu viel“ sein könnte. Das wäre der Moment gewesen, in dem ich der Person, die mich angegriffen hat, die Macht gegeben hätte, mich zum Schweigen zu bringen. Diesen Gefallen tue ich keiner und keinem.
Was ich allerdings nicht erwartet habe: dass es so groß wird. Sechs Millionen Views und Bestellungen aus Kreisen, mit denen ich nicht gerechnet hätte – von einer Pfarrerin, einem Bürgermeister, Atheist:innen, einer 70-jährigen Kundin, die unseren Hijab bei sich ins Wohnzimmer gehängt hat. Damit hat niemand gerechnet, ich am wenigsten.
Warum hat Ihre ironische „AfD10“-Aktion Ihrer Meinung nach in Deutschland so große Aufmerksamkeit bekommen?
Weil es kein Streit war, sondern eine Einladung. Ich glaube, viele Menschen waren erschöpft von der ewigen Logik „Angriff, Empörung, Gegenangriff“ – und ich habe sie aus diesem Muster rausgeholt. Statt zurückzuschlagen, habe ich mich bedankt. Statt anzuklagen, habe ich Rabatt gegeben. Statt zu erklären, warum ich „auch“ deutsch bin, habe ich gezeigt, wie deutsch ich eigentlich schon bin: mit Ironie, einem Marketing-Move und einem Made-in-Germany-Produkt.
„Ich wollte nie kämpfen. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen.“
Das Video ist nicht durch Wut viral gegangen, sondern durch Liebe. Schauen Sie sich die Kommentare an, schauen Sie sich die Berichterstattung an – es wurde nicht über mich diskutiert, sondern mit mir gesprochen. Und ich glaube, das war für viele Menschen ein Moment, in dem sie gemerkt haben: Wir sind mehr, auch wenn die anderen oft lauter sind. Die Liebe ist da, der Hass ist manchmal nur lauter im Netz.
Sie haben eine gegen Sie gerichtete Aussage in einen viralen, humorvollen Moment verwandelt. War das eher ein Schutzmechanismus oder eine bewusste Haltung nach dem Motto: „Ich lasse mich nicht in die Opferrolle drängen“?

@Julian Ebinal
Beides – und das eine ist aus dem anderen gewachsen. Als Kind war Humor mein Schutzmechanismus. Über die Jahre habe ich daraus ein Prinzip gemacht, das ich heute fast automatisch lebe: Wenn jemand mit Hass kommt, antworte ich mit Liebe – und mit einer Pointe. Wut als Antwort gibt der Wut der anderen mehr Platz. Lachen entzieht ihr den Boden.
Ich wollte mich nie von einem System oder einer Gesellschaft unterdrücken lassen, und ich war noch nie bereit, mich zum Opfer machen zu lassen. Ich werde es auch nie sein. Ich wollte schon immer eine starke, selbstbewusste und schlagfertige Frau werden – und genau deshalb ist Humor für mich beides geworden: Schutzschild und Waffe.
Ich erkläre mit meiner Arbeit. Ich erkläre mit meinen Produkten. Ich erkläre mit meinem Team. Aber ich rechtfertige mich nicht. Wer wirklich verstehen will, hört zu. Wer nur provozieren will, dem schenke ich höchstens noch ein Lachen – und einen Rabattcode.
Glauben Sie, dass die Menschen in Deutschland bei einer erfolgreichen Frau mit Kopftuch zuerst den Erfolg sehen – oder zuerst das Kopftuch?
Heute? Noch immer das Hijab. Aber die Lage ändert sich, und sie ändert sich schneller, als ich noch vor ein paar Jahren gedacht hätte. Lange war es bei uns so: Wenn ich irgendwo in Deutschland bei einem großen Einzelhandel eine Frau mit Hijab im Kundenkontakt gesehen hat, war das schon Anlass zur Freude. Im nächsten Atemzug habe ich mich über meine Freude gewundert – weil es eigentlich Normalität sein müsste, kein Anlass zur Freude.
„Humor ist für mich Schutzschild und Waffe zugleich.“
Normalisierung ist ein Prozess. Erst kommt Ablehnung. Dann flacht sie ab. Dann folgt irgendwann Akzeptanz, und am Ende Normalität. Ich bin ziemlich sicher: Wenn in der nächsten Staffel von Miss Germany Hijab-tragende Frauen im Finale stehen, wird es keinen großen Aufschrei mehr geben. Den haben wir gut abgefangen, Mädels. I got you. Was ich mir wünsche, ist eine Zukunft, in der „erfolgreiche Frau mit Hijab“ einfach „erfolgreiche Frau“ heißt – und ich glaube, dass meine Generation die ist, die diese Sprache schon spricht. Den Rest holen wir ab.
Wenn die Menschen nach diesem Interview nur eine einzige Sache über Sie in Erinnerung behalten sollten – was sollte das sein?
Dass ich nicht kämpfe. Ich gehe meinen Weg. Und auf diesem Weg habe ich keine Lust auf Wut, aber sehr viel Lust auf Liebe, auf Humor und auf Sichtbarkeit – für mich und für die Frauen, die nach mir kommen. Wenn Sie nur eines mitnehmen, dann das: Lass dich nicht für das definieren, was die anderen in dir sehen wollen. Bau deine eigene Bühne, auch wenn dich niemand einlädt. Und sei lieber lauter mit deiner Lebensfreude als mit deiner Verteidigung.






