Jobs der neuen Generation
„Auf LinkedIn professionell wirken zu wollen, ist nicht unbedingt die richtige Strategie“
Die Schweizer Finance-Expertin und Corporate Influencerin Natalie Wiederkehr spricht über Sichtbarkeit, Leadership, Authentizität und darüber, warum Vertrauen in Zeiten von KI und digitaler Selbstdarstellung zur wichtigsten Währung der modernen Geschäftswelt geworden ist.
Unterschiedliche Geschäfts- und Arbeitskulturen kennenzulernen, fasziniert mich immer wieder – ich hoffe, Sie genauso. Dieses Mal ist meine Gesprächspartnerin Natalie Wiederkehr aus der Schweiz.
Die Finance-Expertin und Corporate Influencerin gehört heute zu den sichtbarsten Stimmen im Bereich Corporate Finance auf LinkedIn in der Schweiz. Mit ihr habe ich darüber gesprochen, warum Sichtbarkeit heute mehr bedeutet als reine Präsenz, weshalb Authentizität stärker wirkt als Perfektion und warum glaubwürdige Kommunikation in der modernen Businesswelt immer wichtiger wird.
Stellen Sie sich bitte kurz vor.

Mein Name ist Natalie Wiederkehr. Ich arbeite im Finanzumfeld bei Allianz Suisse und bin dort unter anderem als Corporate Influencerin aktiv. Mein beruflicher Hintergrund liegt in Finance, Organisation und strategischer Kommunikation. Besonders faszinieren mich die Schnittstellen zwischen Business, Sichtbarkeit, Leadership und menschlicher Wirkung.
Vor ein paar Wochen durfte ich als einzige Schweizerin am Finale der Corporate Influencer Awards in Köln teilnehmen. Gleichzeitig wurde ich auf LinkedIn als „Number One Female Finance Creator Switzerland“ gerankt, und das nach nur acht Monaten aktiver Präsenz auf LinkedIn. Heute gehöre ich im Bereich Corporate Finance zu den sichtbarsten Stimmen auf LinkedIn in der Schweiz.
Wie begann Ihr Übergang von einem Bereich wie Finance, der oft eher „im Hintergrund“ bleibt, hin zu einer öffentlichen Rolle als Corporate Influencerin?
Das war ursprünglich gar kein strategischer Plan. Bei Allianz wurde das Corporate Influencer Programm von Deutschland in die Schweiz gebracht und ich bin eher zufällig hineingerutscht. Nach den ersten Schulungen begann ich, auf LinkedIn regelmässig Inhalte zu teilen.
„Auf LinkedIn funktioniert langfristig nicht die lauteste Stimme, sondern die glaubwürdigste.“
Ich merkte relativ schnell, dass gerade Themen wie Verantwortung, psychologische Sicherheit, Perfektionismus oder Sichtbarkeit bei vielen Menschen resonieren. Vor allem, weil ich aus einem Bereich komme, der normalerweise eher im Hintergrund arbeitet. Ich glaube, genau dieser Kontrast macht es spannend. Dass jemand aus Finance sichtbar wird, Haltung zeigt und gleichzeitig authentisch bleibt.
Was ist Ihrer Meinung nach das grösste Kommunikationsproblem von Finanzfachleuten?
Viele versuchen, möglichst fehlerfrei und professionell zu wirken und verlieren dabei ihre Persönlichkeit. Fachwissen alleine schafft heute noch keine Verbindung mehr. Menschen wollen verstehen, wer hinter der Rolle steht. Gerade im Finanzbereich herrscht oft die Angst, etwas Falsches zu sagen. Dadurch entstehen sterile Kommunikation und Distanz.
Vertrauen entsteht aber selten über perfekte Formulierungen, sondern über Klarheit, Haltung und Nahbarkeit.
Auf LinkedIn versuchen viele Menschen oft, „professionell zu wirken“. Halten Sie das für die richtige Strategie?

Nicht unbedingt. Ich glaube, viele verwechseln Professionalität mit Perfektion. Für mich bedeutet professionell nicht, geschniegelt und glatt zu wirken, sondern glaubwürdig. Die Beiträge, die am stärksten resonieren, sind oft jene, die kontrolliert ehrlich sind. Menschen merken sehr schnell, ob jemand nur eine Rolle spielt.
„Menschen erinnern sich selten an perfekte Lebensläufe, sondern an Menschen mit Haltung und Klarheit.“
Gerade auf LinkedIn funktioniert langfristig nicht die lauteste Stimme, sondern die glaubwürdigste.
Ihr Satz „Haltung schlägt Hype“ ist sehr bemerkenswert. Was bedeutet das in der heutigen Geschäftswelt?
Wir leben in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit extrem schnell entsteht, aber genauso schnell wieder verschwindet. Hype kann kurzfristig Reichweite bringen. Haltung schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist langfristig viel wertvoller.
Gerade Unternehmen und Führungskräfte unterschätzen manchmal, wie stark Menschen heute darauf achten, ob Worte und Verhalten zusammenpassen. Sichtbarkeit ohne innere Haltung wirkt oft leer.
Ist es heute ein Risiko für eine Führungskraft, auf LinkedIn still bzw. unsichtbar zu bleiben?
Ich glaube, Sichtbarkeit wird zunehmend Teil moderner Führung. Dabei geht es nicht darum, Influencer zu werden oder täglich Inhalte zu posten. Aber Menschen möchten heute wissen, wofür eine Führungskraft steht. Wer komplett unsichtbar bleibt, überlässt die Wahrnehmung anderen.
Gerade in Zeiten von KI und Informationsüberflutung wird persönliche Einordnung immer wichtiger.
Verstehen Unternehmen das Konzept des Corporate Influencers Ihrer Meinung nach richtig?

Teilweise. Viele Unternehmen erkennen inzwischen das Potenzial. Gleichzeitig herrscht oft noch Unsicherheit. Corporate Influencing funktioniert nicht wie klassische Werbung. Menschen folgen Menschen und nicht Hochglanzbotschaften.
Wenn Unternehmen versuchen, jede Aussage zu kontrollieren, verliert das Ganze schnell seine Glaubwürdigkeit. Gute Corporate Influencer Programme brauchen Vertrauen, Freiraum und starke Persönlichkeiten.
Sie hatten einen bemerkenswerten Beitrag über die Tendenz künstlicher Intelligenz, Geschichten über Menschen zu „erfinden“. Wie wird sich Ihrer Meinung nach Reputationsmanagement im Zeitalter der künstlichen Intelligenz verändern?
Authentizität wird noch wichtiger werden. KI kann heute bereits Texte, Bilder und ganze Persönlichkeiten simulieren. Dadurch wird Vertrauen zu einer der wichtigsten Währungen überhaupt.
„Hype kann kurzfristig Reichweite bringen. Haltung schafft Vertrauen.“
Menschen werden sensibler dafür werden, ob etwas echt wirkt oder konstruiert. Reputationsmanagement wird sich deshalb weniger um perfekte Selbstdarstellung drehen und stärker um Glaubwürdigkeit, Konsistenz und echte menschliche Einordnung.
Wenn Sie jungen Fachkräften nur einen einzigen Rat geben könnten, welcher wäre das?
Warte nicht darauf, irgendwann „bereit genug“ zu sein. Viele unterschätzen, wie stark Sichtbarkeit Karrieren verändern kann. Gleichzeitig muss Sichtbarkeit nicht laut sein. Es reicht oft schon, die eigene Perspektive ehrlich zu teilen.
Menschen erinnern sich selten an perfekte Lebensläufe. Sie erinnern sich an Menschen mit Haltung, Klarheit und Wiedererkennbarkeit.






