Connect with us

Interview

„Ich sehe mich nicht mehr als Opfer meiner Geschichte“

„Manchmal muss der Mensch durch die Dunkelheit gehen, um sein eigenes Licht zu entdecken“, sagt Leyla Viessmann. Sie erzählt trbusiness.de von ihrem Weg von den ersten Jahren in Deutschland bis hin zu millionenschweren Investitionen, den Herausforderungen, denen sie begegnete, und den Botschaften, die sie heute an Frauen weitergeben möchte.

Harun Yazıcı

Published

on

Interview: Harun Yazici

Die Reise von Hatay im Süden der Türkei nach Deutschland ist nicht nur eine Migrationsgeschichte, sondern auch eine Geschichte von Mut, Transformation und dem Wiederaufstehen nach schwierigen Zeiten.

Im Alter von 18 Jahren kam Leyla Viessmann in ein ihr völlig unbekanntes Land und entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einer erfolgreichen Unternehmerin, Investorin und einer gesellschaftlich engagierten Persönlichkeit mit Vorbildcharakter. In einem Land, in dem sie einst täglich Tränen vergoss, steht sie heute auf Bühnen und inspiriert Menschen mit ihren Erfahrungen.

Mit Leyla Viessmann führten wir ein persönliches Gespräch über ihre Kindheit, ihre ersten Jahre in Deutschland, ihren unternehmerischen Weg und ihre Lebensphilosophie.

Frau Viessmann, könnten Sie sich unseren Leserinnen und Lesern kurz vorstellen?

Sehr gerne. Mein Name ist Leyla Viessmann. Ich bin Unternehmerin, Investorin, Keynote-Speakerin und Mentorin für finanzielle und persönliche Transformation. Seit fast 30 Jahren bin ich selbstständig und habe in Zingst unter anderem das italienische Restaurant Martini und das griechische Restaurant Metaxa aufgebaut, Immobilien entwickelt und in verschiedene Bereiche investiert.

Auch Sport ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich spiele sehr gerne Tennis, weil es für mich Bewegung, Freude, Disziplin und mentale Stärke verbindet.

Neben meiner unternehmerischen Tätigkeit engagiere ich mich als Gemeindevertreterin und ehrenamtliche Richterin. Für mich bedeutet Erfolg heute nicht nur, etwas aufzubauen, sondern auch etwas zurückzugeben. Deshalb verbinde ich Unternehmertum, persönliche Entwicklung und gesellschaftliches Engagement miteinander.

„Manchmal muss der Mensch zuerst durch die Dunkelheit gehen, um sein eigenes Licht zu entdecken.“

Ursprünglich komme ich aus der Türkei, aus der Region Hatay/Antakya. Mein Weg nach Deutschland war nicht einfach, aber genau dieser Weg hat mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Ich habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen, Vertrauen zu entwickeln und auch in schwierigen Zeiten weiterzugehen.

Heute spreche ich auf Bühnen über Vertrauen, Verantwortung und das Loslassen des Egos. Für mich bedeutet Ego loslassen auch: dienen. Nicht nur sich selbst sehen, sondern fragen: Was kann ich zurückgeben?

Außerdem habe ich mein E-Book „Die Zutaten des Glücks – sieben einfache Schritte, um in einer Woche glücklicher zu werden“ veröffentlicht. Darin teile ich Impulse und Übungen, die Menschen helfen sollen, mehr Glück, Klarheit und innere Stärke in ihrem Alltag zu finden.

Könnten Sie uns von Ihren Anfängen erzählen, als Sie das erste Mal nach Deutschland kamen?

Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich in der Türkei eine sehr schöne und prägende Kindheit. Mein Großvater war Geschäftsmann und hat mich früh geprägt. Als erstes Enkelkind hatte ich eine besondere Stellung in meiner Familie. Ich wurde ermutigt, zu lernen, mich zu entwickeln und groß zu denken. Vielleicht war der Unternehmergeist schon früh in meinem Leben angelegt.

Nur zwei Monate vor meiner Hochzeit hatte ich mein Abitur gemacht. Eigentlich stand ich an einem Punkt, an dem viele junge Menschen anfangen, ihre Zukunft selbst zu planen. Für mich kam es anders: Ich wurde verheiratet und kam am 23. September 1986 nach Deutschland, ohne die Sprache zu sprechen und ohne zu wissen, was mich erwartet.

„Erfolg bedeutet für mich heute nicht mehr nur zu gewinnen, sondern der Gesellschaft etwas zurückzugeben.“

Ich war gerade 18 Jahre alt geworden. Am Flughafen in Hannover gratulierte mir ein Polizeibeamter zu meinem Geburtstag. Ich verstand ihn nicht, ein älterer türkischer Mann musste es mir übersetzen.

Für andere hätte Deutschland vielleicht wie eine Chance oder ein Abenteuer gewirkt. Für mich war es am Anfang ein tiefer Einschnitt. Ich hatte meine Familie, meine Freunde, meine Schule, meinen Sport und meine Freiheit zurückgelassen. In den ersten Monaten habe ich fast jeden Tag geweint.

Ich kam nicht mit einem fertigen Plan nach Deutschland. Ich kam mit Schmerz, Unsicherheit und vielen offenen Fragen. Damals konnte ich nicht erkennen, warum mir das alles passiert. Heute weiß ich: Auch aus den dunkelsten Momenten kann ein neuer Weg entstehen.

Diese schweren Anfänge haben in mir eine Kraft geweckt, die später mein ganzes Leben verändert hat. Ich habe gelernt, dass man manchmal erst durch die Dunkelheit gehen muss, um das eigene Licht zu entdecken.

Was war der entscheidendste Wendepunkt in Ihrer Karriere, der Sie zu Ihrem heutigen Erfolg geführt hat?

Es gab nicht nur einen Wendepunkt, sondern mehrere kleine Türen, durch die ich gegangen bin. Eine der wichtigsten begann sehr bescheiden: Ich durfte zwei Stunden am Tag in einem Imbiss Kartoffeln schälen. Für viele Menschen klingt das klein. Für mich war es damals der erste Schritt in Richtung Selbstständigkeit, Würde und Freiheit.

Später arbeitete ich in griechischen und italienischen Restaurants. Ich beobachtete alles: die Küche, den Service, den Umgang mit Gästen, die Abläufe und die Verantwortung hinter einem Betrieb. Ich hatte keine klassische Ausbildung als Unternehmerin, aber ich hatte Neugier, Fleiß und den Willen zu lernen.

Der größte Wendepunkt auf meinem unternehmerischen Weg war das griechische Restaurant Metaxa in Zingst. Als alleinstehende Frau und Existenzgründerin erhielt ich einen Kredit in Millionenhöhe und konnte die Immobilie für das Restaurant von Grund auf selbst realisieren und aufbauen.

Dieses Projekt war für mich nicht nur ein unternehmerischer Meilenstein, sondern auch ein innerer Wendepunkt. Es hat mir gezeigt, dass aus Verantwortung, Vertrauen und Ausdauer etwas entstehen kann, das zunächst größer wirkt als man selbst.

Der wichtigste Wendepunkt war aber auch innerlich: Ich habe aufgehört, mich als Opfer meiner Geschichte zu sehen. Ich habe Verantwortung übernommen und verstanden, dass ich nicht warten darf, bis jemand mein Leben verändert. Ich musste selbst aufstehen und den nächsten Schritt gehen.

Sie sind in Deutschland regelmäßig als Sprecherin auf wichtigen Veranstaltungen präsent. Was bedeutet Ihnen diese Sichtbarkeit persönlich?

Diese Sichtbarkeit bedeutet mir sehr viel, weil sie für mich nicht nur mit Erfolg zu tun hat. Sie ist ein Zeichen dafür, dass mein Weg, auch mit all seinen schwierigen Phasen, einen Sinn hatte. Früher hatte ich oft das Gefühl, keine Stimme zu haben und nicht selbst über mein Leben entscheiden zu dürfen.

Heute darf ich auf Bühnen stehen, meine Geschichte teilen und andere Menschen inspirieren. Das ist für mich ein großes Geschenk und gleichzeitig eine Verantwortung. Ich möchte zeigen, dass man trotz schwerer Anfänge wachsen, sich befreien und etwas Eigenes aufbauen kann.

„Die größten Reisen beginnen manchmal mit einer ganz kleinen Tür.“

Sichtbarkeit bedeutet für mich nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Sichtbarkeit bedeutet für mich, Licht weiterzugeben. Es geht nicht darum, bewundert zu werden. Es geht darum, anderen Menschen Mut zu machen.

Auch meine Rolle als Gemeindevertreterin und ehrenamtliche Richterin sehe ich in diesem Zusammenhang. Ich möchte nicht nur nehmen, sondern auch dienen. Ich möchte meiner Gemeinde und der Gesellschaft etwas zurückgeben und mich dort einbringen, wo ich heute lebe, arbeite und verwurzelt bin.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Stärken und Schwächen der deutschen Arbeits- und Unternehmenskultur?

Eine große Stärke der deutschen Arbeits- und Unternehmenskultur ist aus meiner Sicht die Verlässlichkeit. Es gibt Strukturen, Regeln, Planung und ein hohes Bewusstsein für Qualität. Wenn man bereit ist, langfristig zu denken und Verantwortung zu übernehmen, kann man in Deutschland sehr viel aufbauen.

Ich habe in Deutschland gelernt, wie wichtig Ordnung, Disziplin und Beständigkeit sind. Diese Werte haben mir geholfen, meine Unternehmen aufzubauen und über viele Jahre erfolgreich zu führen.

„Seid nicht nur erfolgreich, sondern auch innerlich frei.“

Gleichzeitig sehe ich auch Schwächen. Manchmal gibt es zu viel Angst vor Fehlern, zu viel Bürokratie und zu wenig Mut, schnell Entscheidungen zu treffen. Unternehmertum braucht nicht nur Sicherheit, sondern auch Vertrauen, Kreativität und Risikobereitschaft.

Gerade Menschen mit Migrationshintergrund bringen oft sehr viel Mut, Flexibilität und Lebensenergie mit. Wenn diese Kraft mit der deutschen Struktur verbunden wird, kann daraus etwas sehr Starkes entstehen.

Sind Sie auf Ihrem beruflichen Weg in Deutschland als Frau mit Migrationshintergrund auf besondere Hürden gestoßen?

Ja, natürlich. Ich bin als junge Frau nach Deutschland gekommen, ohne Sprache, ohne eigenes Netzwerk und ohne finanzielle Sicherheit. Dazu kam, dass ich als Frau aus einer anderen Kultur oft unterschätzt wurde. Viele haben mir nicht zugetraut, dass ich ein Unternehmen führen, Kredite bekommen oder große Verantwortung tragen kann.

Aber ich habe gelernt, meinen Weg trotzdem zu gehen. Ich habe gearbeitet, beobachtet, gelernt und Schritt für Schritt Vertrauen aufgebaut. Es gab Momente, in denen Türen geschlossen wurden. Aber ich habe immer wieder nach einer anderen Tür gesucht.

Heute sehe ich diese Hürden nicht nur als Schwierigkeiten, sondern auch als Teil meiner Entwicklung. Sie haben mich stärker, klarer und unabhängiger gemacht. Als Frau mit Migrationshintergrund musste ich vielleicht mehr beweisen, aber genau dadurch habe ich auch mehr innere Kraft entwickelt.

Ich glaube, jede Herausforderung kann uns entweder klein machen oder wachsen lassen. Entscheidend ist, ob wir innerlich aufgeben oder ob wir beginnen, Verantwortung für unseren Weg zu übernehmen.

Fühlen Sie sich heute in Deutschland angekommen und zugehörig?

Ja, heute fühle ich mich in Deutschland angekommen. Aber dieses Gefühl ist nicht über Nacht entstanden. Es war ein langer Prozess. Am Anfang war Deutschland für mich fremd, kalt und schwer. Ich habe vieles nicht verstanden, weder die Sprache noch die Kultur noch die Regeln.

Mit den Jahren habe ich mir hier ein Leben aufgebaut. Meine Kinder sind hier aufgewachsen, meine Unternehmen sind hier entstanden, meine berufliche Entwicklung hat hier stattgefunden. Deutschland hat mir nicht alles leicht gemacht, aber Deutschland hat mir auch Möglichkeiten gegeben.

Heute fühle ich mich nicht nur einer Kultur zugehörig. Ich trage mehrere Welten in mir: meine Herkunft, meine Erfahrungen, meine Werte und mein Leben in Deutschland. Genau daraus entsteht meine Stärke.

Angekommen zu sein bedeutet für mich heute auch, Verantwortung für den Ort zu übernehmen, an dem ich lebe. Deshalb ist mein Engagement als Gemeindevertreterin und ehrenamtliche Richterin für mich wichtig. Ich möchte nicht nur Teil dieser Gesellschaft sein, sondern auch etwas beitragen.

Abschließend: Welche Botschaft möchten Sie auf Basis Ihrer persönlichen Geschichte Frauen mit auf den Weg geben, die in Deutschland ein eigenes Unternehmen gründen wollen?

Meine Botschaft ist: Wartet nicht, bis alles perfekt ist. Fangt mit dem an, was ihr habt. Manchmal beginnt der größte Weg mit einer ganz kleinen Tür. Bei mir waren es zwei Stunden Kartoffeln schälen am Tag. Ich wusste damals nicht, dass daraus einmal ein Leben als Unternehmerin entstehen würde.

Frauen sollten sich nicht klein machen und nicht darauf warten, dass andere ihnen Erlaubnis geben. Natürlich braucht es Wissen, Planung und Disziplin. Aber vor allem braucht es Vertrauen in sich selbst, Verantwortung für das eigene Leben und den Mut, Schritt für Schritt weiterzugehen.

Ich wünsche jeder Frau, dass sie erkennt: Deine Geschichte muss dich nicht begrenzen. Sie kann deine Kraftquelle werden. Du darfst erfolgreich sein und gleichzeitig glücklich, menschlich und innerlich frei bleiben.

Genau deshalb habe ich auch mein E-Book „Die Zutaten des Glücks“ geschrieben. Denn Erfolg allein macht nicht automatisch glücklich. Wahres Glück entsteht, wenn wir Verantwortung übernehmen, Vertrauen entwickeln, mit Liebe handeln, dankbar bleiben, achtsam leben, unser Ego loslassen und gut für unseren Körper sorgen.

Meine wichtigste Botschaft lautet:

Werde nicht nur erfolgreich. Werde innerlich frei. Und wenn es in deinem Leben dunkel ist, warte nicht nur auf Licht von außen: Sei du selbst das Licht in der Dunkelheit.

Click to comment

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Are you human? Please solve:Captcha


Neueste Nachrichten

Interview3 Stunden ago

„Ich sehe mich nicht mehr als Opfer meiner Geschichte“

„Manchmal muss der Mensch durch die Dunkelheit gehen, um sein eigenes Licht zu entdecken“, sagt Leyla Viessmann. Sie erzählt trbusiness.de...

Kolumnisten1 Tag ago

Welche Fehler machen Türkische Unternehmer bei der Unternehmensgründung in Deutschland?

Aysem Heigl | Steuerberaterin Viele türkische Unternehmer sehen in Deutschland große Chancen. Doch wer den Markt falsch einschätzt, riskiert teure...

Kolumnisten2 Wochen ago

Gegen den Strom: Wie die Türkei Europas Investitionskrise trotzt

Yesim Cevik | Deutschland-Repräsentant von trbusiness.de Europa schlittert in eine handfeste Vertrauenskrise bei internationalen Großinvestoren. Während der Kontinent mit geopolitischen...

Kolumnisten2 Wochen ago

Was im Franchisevertrag wirklich zählt

Dr. Hasan Isik | Rechtsanwalt für Arbeits- und Wirtschaftsrecht Ein Franchisevertrag wirkt auf den ersten Blick wie ein Mietvertrag mit...

Interview3 Wochen ago

„Bau deine eigene Bühne – auch wenn dich niemand einlädt“

Eine Gründerinnen-Story, die einst in einem Keller mit kleinem Budget begann, hat sich zu einer Marke entwickelt, die heute Millionen...

İsviçreli finans uzmanı Natalie Wiederkehr, LinkedIn’de görünürlük ve güvenin yeni iş dünyasındaki önemini anlattı. İsviçreli finans uzmanı Natalie Wiederkehr, LinkedIn’de görünürlük ve güvenin yeni iş dünyasındaki önemini anlattı.
Jobs der neuen Generation1 Monat ago

„Auf LinkedIn professionell wirken zu wollen, ist nicht unbedingt die richtige Strategie“

Die Schweizer Finance-Expertin und Corporate Influencerin Natalie Wiederkehr spricht über Sichtbarkeit, Leadership, Authentizität und darüber, warum Vertrauen in Zeiten von...

Genel1 Monat ago

SPACE ODER KI: Wo entsteht das Wachstum von morgen

Deutschland-Repräsentant von trbusiness.de Ein Gastbeitrag über die Zukunft des Investierens Wer verstehen will, wohin sich unser Geld und unsere Märkte...

Kolumnisten2 Monaten ago

Steuerparadies Türkei? Eine kritische Würdigung aus deutscher Sicht

Aysem Heigl | Steuerberaterin Die aktuell diskutierten Steueranreize für Zuziehende in der Türkei – insbesondere einemögliche weitgehende Steuerfreiheit über viele...

Annual inflation in Turkey reached 32.37% in April 2026, according to TÜİK data Annual inflation in Turkey reached 32.37% in April 2026, according to TÜİK data
Nachricht2 Monaten ago

Türkei: Inflation im April übertrifft Erwartungen

Das türkische Statistikamt, Turkish Statistical Institute (TÜİK), hat die Inflationsdaten für April veröffentlicht. Demnach sind die Verbraucherpreise in der Türkei...

Wirtschaft2 Monaten ago

Türkisch-Deutscher Wirtschaftstag in Düsseldorf erfolgreich durchgeführt

9. Deutsch-Türkischer Wirtschaftstag in Düsseldorf: Fokus auf resilientes Wachstum, Künstliche Intelligenz und nachhaltige Transformation