Kolumnisten
Wie global muss ein Startup denken, bevor es global wird?
Yeşim Çevik | Deutschland-Repräsentant von trbusiness.de
Diese Frage nehme ich aus Seoul mit.
In diesem Jahr war ich bereits bei der New York Fintech Week und beim World Business Forum in Davos. Unterschiedliche Orte, Menschen und Perspektiven – und doch ging es immer wieder um dieselbe Frage: Wie entstehen Unternehmen, die über ihren Heimatmarkt hinauswachsen und international Wirkung entfalten?
Auf Einladung von Try Everything 2026 durfte ich Seoul mitten im koreanischen Startup- und Investment-Ökosystem erleben. Die Veranstaltung fand am 9. und 10. September im beeindruckenden Dongdaemun Design Plaza statt. Das Motto „AI Changes Everything. Now Try Everything.“ passte dabei nicht nur zur Bühne, sondern vor allem zu den Gesprächen dazwischen.
Denn die wichtigsten Erkenntnisse entstanden für mich nicht während eines einzelnen Panels, sondern in kurzen Begegnungen auf den Fluren, an Stehtischen und zwischen zwei Terminen.
Seoul aus der Perspektive einer Angel-Investorin

Während meines Aufenthalts führte ich nahezu 30 Gespräche mit Gründerinnen und Gründern, Investorinnen und Investoren, Venture-Capital-Gebern und internationalen Akteuren aus dem Startup-Ökosystem – darunter Lightspeed Venture Partners, Plug and Play Ventures, Antler, Founder Institute, Admiralty Capital Group, MCP Asset Management, Primo Capital, Mireil AI, Rheinmain Innovation Hub und IgniteXL Ventures.
Diese Gespräche waren für mich besonders wertvoll, weil ich Seoul nicht nur als Konferenzbesucherin, sondern auch aus der Perspektive einer Angel-Investorin erlebt habe.
Mich interessiert bei einem Startup nicht nur, ob eine Technologie funktioniert oder ein Produkt erste Kundinnen und Kunden gewinnt. Ich möchte verstehen:
Welches Problem wird wirklich gelöst? Wie groß kann daraus ein Unternehmen werden? Wie denkt das Gründerteam über Wachstum? Und kann das Geschäftsmodell auch außerhalb des Heimatmarktes funktionieren?
In Seoul habe ich diese Fragen mehrfach gestellt. Auffällig war, wie konkret viele Gründerinnen und Gründer darauf antworteten. Sie sprachen nicht nur über Technologie, sondern auch über Zielmärkte, Vertriebspartner, regulatorische Anforderungen und die Frage, welche Teile ihres Geschäftsmodells lokal bleiben müssen und welche von Anfang an international gedacht werden können.
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Global Wachstum: Der richtige Zeitpunkt entscheidet
Ein Gründer beschrieb sein Produkt nicht als „koreanische Lösung für ein koreanisches Problem“, sondern als Technologie, die in Korea entwickelt und anschließend für mehrere Märkte angepasst werden soll. Genau diese Unterscheidung fand ich bemerkenswert: Der Heimatmarkt war der Ausgangspunkt, aber nicht automatisch die Grenze.
Global denken, bevor man global skaliert
In Europa wird häufig zunächst der Heimatmarkt aufgebaut, dann der deutschsprachige Raum, anschließend Europa und irgendwann der internationale Markt. Das ist nachvollziehbar. Gerade in der frühen Phase müssen Gründerinnen und Gründer fokussieren.
Doch dieser Weg kann dazu führen, dass Produkt, Preisgestaltung, Prozesse und Markteintritt stark auf einen bestimmten Markt zugeschnitten sind. Die spätere Internationalisierung wird dann schnell zu einer Transformation: neue regulatorische Anforderungen, andere Vertriebslogiken, veränderte Kundenerwartungen und oft eine völlig neue Kommunikation.
In Seoul begegnete mir häufiger eine andere Frage:
Wie bauen wir unser Unternehmen so auf, dass es auch außerhalb Koreas funktionieren kann?

Das bedeutet nicht, am ersten Tag in zehn Länder zu expandieren. Es bedeutet vielmehr, früh die richtigen Fragen zu stellen:
- Ist das Produkt sprachlich und kulturell anpassbar?
- Welche Teile der Technologie sind wirklich skalierbar?
- Welche Partnerschaften brauchen wir in anderen Märkten?
- Wie viel lokale Infrastruktur ist notwendig?
- Und welche Annahmen unseres Geschäftsmodells gelten nur in Korea?
Global denken, bevor man global skaliert.
Was hinter Seouls Startup-Ökosystem steckt
Seoul gehört heute zu den führenden Startup-Ökosystemen weltweit. Besonders stark sind die Bereiche Wissen, Technologie und Finanzierung. Doch ein erfolgreiches Ökosystem entsteht nicht allein durch gute Gründerinnen und Gründer.
Es braucht Kapital, Talente, Forschung, etablierte Unternehmen, politische Unterstützung und internationale Netzwerke. Vor allem aber braucht es Orte, an denen diese Akteure tatsächlich miteinander ins Gespräch kommen.
Dieses Zusammenspiel war in Seoul deutlich spürbar. Auch Try Everything trägt dazu bei, indem Startups, Investorinnen und Investoren, etablierte Unternehmen und internationale Organisationen gezielt zusammengebracht werden mit einem starken Fokus auf Finanzierung und internationale Expansion.
Für mich zählt dabei nicht das reine Netzwerken. Entscheidend ist, was nach dem ersten Gespräch möglich wird:
Investor trifft Gründer.
Unternehmen trifft Startup.
Korea trifft Europa.
Technologie trifft Kapital.
In mehreren Gesprächen ging es deshalb nicht nur um Visitenkarten oder Nachfassaktionen, sondern direkt um konkrete nächste Schritte: mögliche Pilotprojekte, Markteintritte, Zugänge zu Investorinnen und Investoren sowie gemeinsame Programme.
Die spannendsten Chancen entstehen oft nicht innerhalb eines einzelnen Ökosystems, sondern zwischen zwei Ökosystemen.
Investitionen in Frauen sind auch eine Frage der Kapitalallokation
Besonders interessant war für mich der Austausch über Investitionen in von Frauen geführte Unternehmen, unter anderem mit Admiralty Capital Group.
Als Angel-Investorin sehe ich, wie entscheidend der Zugang zu Kapital, Netzwerken und strategischen Partnern für die nächste Wachstumsphase eines Startups ist. Gleichzeitig sind Frauen auf Gründerinnen- und Investorinnenebene noch immer nicht ausreichend vertreten.
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Das ist nicht nur eine Frage der Repräsentation. Es ist auch eine Frage der Kapitalallokation:
Wer entscheidet, wohin Kapital fließt, entscheidet mit darüber, welche Geschäftsmodelle, Technologien und Perspektiven wachsen können.
In den Gesprächen wurde deutlich, wie stark sich Investitionsentscheidungen auf die Entwicklung ganzer Märkte auswirken. Wenn bestimmte Gründerinnen, Zielgruppen oder Problemstellungen im Entscheidungsprozess kaum vorkommen, bleiben auch entsprechende Geschäftsmodelle häufiger unterfinanziert.
Mehr Frauen in Investment- und Entscheidungspositionen verändern deshalb langfristig die Struktur unserer Startup-Ökosysteme. Sie bringen andere Erfahrungen, Netzwerke und Marktkenntnisse ein und stellen oft andere Fragen an Produkt, Zielgruppe und Skalierbarkeit.
Für mich gehört die Förderung von Gründerinnen und Investorinnen unmittelbar zur Frage des internationalen Wachstums. Wer global wachsen will, braucht nicht nur Kapital und Technologie, sondern auch unterschiedliche Perspektiven auf Probleme, Produkte und Zielgruppen.
Diese Verbindung von Kapital, weiblicher Führung und internationaler Skalierung möchte ich auch in meiner eigenen Arbeit weiter vorantreiben.
Von künstlicher Intelligenz und Robotik bis Beauty und K-Pop

Künstliche Intelligenz und Robotik waren in Seoul allgegenwärtig. Gleichzeitig spielten Raumfahrt und Verteidigung, Gesundheitswesen und Beauty eine wichtige Rolle. Und natürlich kommt man an koreanischer Kosmetik und K-Pop nicht vorbei.
Gerade diese beiden Bereiche zeigen, wie aus einer lokalen Stärke ein globales Produkt werden kann. Koreanische Kosmetik ist längst nicht mehr nur ein nationales Phänomen. K-Pop ist nicht einfach Musik aus Korea, sondern ein globales Ökosystem aus Inhalten, Gemeinschaft, Technologie, Marken und Vertrieb.
Was mich daran besonders interessiert: Der internationale Erfolg entsteht nicht allein durch ein gutes Produkt. Entscheidend ist die Fähigkeit, ein lokales Produkt so zu positionieren, dass Menschen in anderen Märkten einen eigenen Zugang dazu finden.
Dafür braucht es Innovation, Produktionskompetenz, Geschwindigkeit und ein sehr gutes Gespür für kulturelle Übersetzung.
Genau diese Fähigkeit interessiert mich auch bei Startups:
Nicht nur: „Wie gut funktioniert das Produkt heute?“
Sondern:
„Was kann daraus entstehen, wenn es Grenzen überschreitet?“
Eine neue Brücke zwischen Korea, Asien und Europa
Ein weiteres Highlight war der Austausch über die Chancen und Herausforderungen zwischen dem koreanischen und europäischen Startup-Ökosystem. Im Gespräch mit Cenk Baladuran, Startup-Mentor und Berater beim Founder Institute, ging es unter anderem darum, wie koreanische Startups leichter Zugang zu europäischen Märkten finden könnenü und welche europäischen Unternehmen von koreanischer Technologie profitieren könnten.
Besonders spannend waren die unterschiedlichen Perspektiven auf Internationalisierung, Markteintritt und den Aufbau nachhaltiger Geschäftsbeziehungen.
Für mich zeigt sich einmal mehr: Internationale Vernetzung entsteht vor allem durch persönliche Begegnungen, Vertrauen und den Austausch konkreter Ideen.
Aus einem Gespräch entsteht eine Partnerschaft – und aus einer Partnerschaft können neue Märkte, Projekte und Verbindungen entstehen.
Was Europa von Seoul lernen kann
Seoul lässt sich nicht einfach nach Europa kopieren. Die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Rahmenbedingungen sind unterschiedlich. Aber wir können voneinander lernen.
Europäische Startups sollten sich aus meiner Sicht früher fragen:
Was müssen wir heute anders denken, damit wir morgen international wachsen können?
Internationalisierung beginnt nicht mit dem ersten Auslandsbüro. Sie beginnt bei der Produktidee, beim Geschäftsmodell, bei den ersten Partnerschaften und bei der Frage, welche Märkte man langfristig erreichen möchte.ä
Ein Startup muss nicht sofort global verkaufen. Aber es sollte früh verstehen, welche Entscheidungen später schwer rückgängig zu machen sind. Eine lokale Preislogik, ein rein nationaler Vertrieb oder ein Produkt, das auf eine einzige regulatorische Umgebung zugeschnitten ist, können das internationale Wachstum erheblich bremsen.
Seoul hat mir erneut gezeigt, wie wichtig es ist, diese Perspektive nicht erst dann einzunehmen, wenn der Heimatmarkt bereits ausgeschöpft ist.
Global denken, bevor man international expandiert
Ich verlasse Seoul mit vielen neuen Kontakten, Ideen und Gesprächen über mögliche Kooperationen – vor allem aber mit einer klaren Überzeugung:
Ein Startup muss nicht global sein, bevor es global wird.
Aber es sollte global denken, bevor es global skaliert.
Try Everything war für mich deshalb mehr als eine internationale Konferenz. Es war ein Einblick in ein Ökosystem, in dem Internationalisierung bereits am Anfang des Denkens beginnt.
Die wichtigste Erkenntnis nehme ich aus den Gesprächen mit: Globalisierung ist kein einzelner Expansionsschritt. Sie ist eine Reihe früher Entscheidungen – über Produkt, Kapital, Partnerschaften, Team und Unternehmenskultur.
Ich sage Seoul deshalb nicht wirklich „Goodbye“.
Eher:
See you again soon.



